Vortrag zur Eröffnung der Kracht-Ausstellung am 21. Mai 2010
Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin, lieber Herr Scheffler, liebe Familie Quentell, lieber
Herr Richter, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Eine Firma feiert Geburtstag, man hat Gäste eingeladen! Das genaue Alter ist nicht so ganz eindeutig feststellbar, aber wie das bei alten Damen eben so ist, man erfragt das exakte Alter ja auch nicht, man hält sich als Eingeladener vornehm zurück, genießt und schweigt!
Und man fängt auch nicht an, das Alter der Gastgeberin zu schätzen! Das brächte auch nichts, denn wenn Sie vor dem modernen Firmengebäude in Lemgo-Lieme, dem Sitz des Kracht’schen Unternehmens, stehen, dann werden Sie eher in die Irre geführt, was das Alter der Firma anbetrifft.
„Was, diese Firma ist schon über 200 Jahre alt?“, mag der Betrachter sich wundernd fragen. Dann müssten doch auch ein altes Firmengebäude, ein riesiger Schornstein und eine schmucke Fabrikantenvilla im benachbarten Garten dazugehören. All das gibt es in Lieme nicht, doch ich kann Sie trösten, wenn Sie reingehen, dann können Sie all das Skizzierte auf historischen Fotos sehen, die man stolz im Eingangsbereich aufgehängt hat.
Automatisch ist man mitten drin in der Firmengeschichte, einer überaus interessanten, wie ich gleich hinzufügen möchte! Doch zu den alten Fragen kommen nun neue hinzu: „Wer ist auf dem Bild der seriöse alte Herr inmitten vieler einfach gekleideter Damen und Herren?“ „Wo ist dieses Fabrikgebäude mit dem seltsamen Dach geblieben?“ Fragen über Fragen, von denen ich hier und jetzt nur einige wenige anreißen kann, Sie sollen sich ja in der Ausstellung
umschauen und den Katalog käuflich erwerben – ich kann nur ein bisschen neugierig machen!
Gehen wir zunächst 300 Jahre zurück, und zwar in das Jahr 1708. In eben diesem Jahr ließ sich der erste Kracht, Johann Christoph Kracht, ein Herforder Pfarrerssohn, in Lemgo nieder, betätigte sich als Kaufmann und heiratete alsbald in eine angesehene hiesige Kaufmannsfamilie ein. Damit war der Startschuss für die kaufmännische Tätigkeit der Lemgoer Krachts gegeben.
Über die genauen Aktivitäten der ersten Generationen ist uns nur wenig überliefert, sie scheinen auf unterschiedlichen Feldern gelegen zu haben. So versuchte 1731 Johann Christian Kracht, Sohn des eben Genannten, eine Strumpfweberei zu begründen, für die er zwar die Erlaubnis erhielt, doch wissen wir nicht, ob sie je ihre Tätigkeit aufgenommen hat. Offenbar beschäftigte man sich aber bereits mit dem Leinenhandel im weitesten Sinne, was durchaus landestypisch war, stellte doch das Leinengewerbe im 18. Jh. den wichtigsten Gewerbezweig in der Grafschaft Lippe dar!
Und so ist es kein Wunder, dass uns im Verlauf des weiteren 18. Jh. zahlreiche Angehörige der Familie Kracht, die sich in Lemgo prächtig vermehrt hatte, als Leinenhändler begegnen – zuweilen ist gar nicht recht auszumachen, wer mit wem ein Kompagnongeschäft betrieb bzw. wer womit handelte. Nehmen wir z.B. Christian Engelbert Kracht, der uns durch seine Geschäftsanzeigen in den „Lippischen Intelligenzblättern“ sein Warenangebot verrät: Er handelte – man beachte die Mischung – mit Butter und Käse, Schokolade und Zitronen, Heringen und Lachs, aber auch Saatgut – ach ja, der Leinenhandel lief parallel zu diesem Gemischtwarenhandel! Christian Engelberts Tätigkeit stellte keinen Einzelfall dar, man handelte und hökerte mit den Dingen, die Geld in die Kassen spielte! Zuweilen schlossen sich, wie schon angedeutet, auch mehrere Kaufleute – verwandt, verschwägert oder befreundet – zu einer sog. Handlungsgesellschaft zusammen. Nicht selten endeten solche Unternehmungen im Streit und vor Gericht, was den Historiker freut, kann er sich doch heutzutage an den überlieferten Akten gütlich tun.
Auch in den nächsten Jahrzehnten wussten sich die Krachts auf Grund ihrer regen Geschäftstätigkeit ihre Position in Lemgo zu behaupten. Geschicktes Heiraten und die Übernahme öffentlicher Ämter bewirkten ein Übriges: Binnen eines Jahrhunderts wurde aus den aus dem fernen Herford Zugereisten eine der ersten Familien der Alten Hansestadt.
Kommen wir zu einem zentralen Ereignis in der Firmengeschichte: Am 28. März 1810 wurde ein Vertrag geschlossen, in dem uns erstmals ein Kracht’sches Unternehmen unter der Bezeichnung „Feine Leinen- und Handlungs-Compagnie“ begegnet. In dem betr. Dokument geht es um die Anpachtung einer Fläche zur Anlage einer Bleiche an einem Teil des Walles zwischen dem Oster- und dem Regenstor. Es handelt sich nicht um die Gründungsurkunde der Firma, aus der
später das heute noch existierende Unternehmen hervorgegangen ist, denn die darin auftretenden Kaufleute waren zum damaligen Zeitpunkt schon viel länger im Leinenhandel tätig. Kurioserweise wurden seit Ende des 19. Jh. aber alle Firmenjubiläen auf dieses Dokument hin ausgerichtet. Und wir würden heute nicht hier zusammenkommen, wenn nicht anhand dieses Dokuments wiederum das 200. Jubiläum hätte gefeiert werden sollen.
Nachdem Herr Scheffler diesen Irrtum aufgedeckt hatte, geriet unsere gemeinsame Arbeit kurzfristig ins Wanken. Doch, da Historiker flexibel sind, haben wir kurzerhand den Ausstellungstitel verändert: Auf Ihrer Einladung haben Sie nun nämlich den Titel „Eine Lemgoer Kaufmanns- und Unternehmerfamilie in drei Jahrhunderten“ gefunden – so einfach geht das!
In der ersten Hälfte des 19. Jh. erlebte der Lemgoer Leinenhandel seine Blütezeit. Nicht unmaßgeblich trug die Gründung einer Legge, also einer Qualitätsprüfstelle für lippisches Leinen, im Jahre 1826 dazu bei. In eben dieser Jahrhunderthälfte tätigte Christoph Wilhelm Kracht, die nächste große Gestalt der Firmengeschichte, seine ersten Geschäfte. Ausgebildet in der vorhin benannten Handlungsgesellschaft, führte er mehrere Kracht’sche Unternehmen
zusammen und avancierte somit zum bedeutendsten Kaufmann seiner Branche. Große Verdienste erwarb sich CW Kracht um die Kinderbewahranstalt, die er zeitlebens ideell und finanziell überaus großzügig unterstützte. Wie schon seine Vorfahren verkehrte er mit allen Honoratioren der Stadt – kein Wunder, er ja war selbst ein wichtiger Bestandteil dieser kleinstädtischen Gesellschaftsschicht. Man bewohnte ein feines Haus an der heutigen Mittelstraße, bewegte sich im Dunstkreis der Äbtissin des Lippischen Damen-Stifts und der Hausherr trug mit Stolz des Titel eines Kommerzienrats!
Mit dem Jahr 1887 wurde in der Firmengeschichte ein vollkommen neues Kapitel aufgeschlagen: Hatte man sich bisher vorwiegend „nur“ im Leinenhandel betätigt, wagten CW Kracht und sein Sohn Paul Kracht nun den Schritt hin zur eigenen Produktion. Dafür begründeten sie eine mechanische Weberei, wodurch sie gleichzeitig einen gewichtigen Beitrag zur Industrialisierung Lemgos, ja ganz Lippes, leisteten.
Zur Erinnerung: Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Landesteilen gelang dem agrarisch strukturierten Lippe erst kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts der allmähliche Eintritt in das Industriezeitalter. Neben der geographischen Lage und dem Mangel an Rohstoffen ist für diesen verspäteten Beginn der Moderne vor allem die lange „Antiindustrialisierungspolitik“ der lippischen Regierung verantwortlich, die bewirkte, dass eine Industrialisierung anfangs nur gegen den Willen des Staates hatte erfolgen können. Über viele Jahrzehnte sahen die politisch Verantwortlichen eher ratlos zu, wie Tausende Landeskinder als Auswanderer ihrer Heimat für immer den Rücken kehrten oder als Wanderziegler alljährlich von Frühjahr bis Herbst in der Fremde ihrem Broterwerb nachgingen; die Daheimgebliebenen versorgten in der Regel eine kleine Landwirtschaft. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts finden wir überall dort, wo die Eisenbahn angekommen war, eine Zahl nennenswerter Industriebetriebe, den größten und bekanntesten mit fast 1.000 Beschäftigten in Bad Salzuflen – Hoffmann’s Stärkefabriken.
Für den Aufbau einer eigenen Produktion mussten die Krachts erhebliche Investitionen tätigen: Man kaufte ein Areal an der Lager Chaussee, ließ nach dem Entwurf eines Bielefelder Ingenieurs ein respektables Fabrikgebäude errichten und kaufte die notwendigen Maschinen, u.a. 24 Webstühle, in England, der Wiege des modernen Maschinenbaus. Im Mai 1888 konnte der Weber Hennig, wie es in der Firmenchronik heißt, das erste Stück Leinen in feierlicher Weise auf dem Kontor abgeben! Die Belegschaft – alsbald beschäftigte man 100
Leute, zumeist Frauen – rekrutierte sich aus Lemgo und der nächste Umgebung, doch mussten zahlreiche Fachkräfte von auswärts angeworben werden, u.a. übrigens aus Schlesien!
Innerhalb kurzer Zeit war es der altehrwürdigen Manufakturwarenhand¬lung gelungen, sich in einen Industriebetrieb moderner Prägung zu verwandeln. Dies ermöglichten unternehmerischer Mut, den die Familie Kracht einbrachte, sowie die notwendige Kapitalkraft und Kreditwürdigkeit, über die die ursprüngliche Kracht’sche Leinenhandlung augenscheinlich verfügte bzw. ihr zugebilligt wurde. Stolz konnte künftig darauf verwiesen werden, Lippes erste und – für die nächsten anderthalb Jahrzehnte – einzige mechanische Weberei zu sein. Tatsächlich schlug erst nach der Jahrhundertwende (1904) die Oerlinghauser Leinenhandlung Carl Weber & Co. einen ähnlichen Weg ein und wagte den Sprung vom Handels- zum Fabrikationsunternehmen.
Großen Anteil am Aufbau der mechanischen Weberei hatte Paul Kracht, der damals 25-jährige Sohn des alten Kommerzienrats. Nach dem Besuch des Lemgoer Gymnasiums und einer Ausbildung an Fachschulen in Köln-Mülheim und Berlin-Charlottenburg sowie einer Weberei in Solingen war er in das väterliche Unternehmen eingetreten, in dem er zunächst Jahrzehnte mit seinem
gestrengen Vater zusammenarbeitete. Von diesem wurde Paul Kracht auch 1887 nach England entsandt, um die benötigten Maschinen auszusuchen und zu bestellen, was dafür spricht, dass der Vater in punkto Technik voll und ganz den Fähigkeiten seines Sohnes vertraute. Zum Mitinhaber bestellte ihn der Vater indes erst ein Jahr vor seinem Tod, als er bereits das neunte Lebensjahrzehnt überschritten hatte. Ganz offenbar hielt der bis zum Schluss die Zügel fest in der Hand – wir haben bis heute viele Beispiele für solche Unternehmer alten Schlages, die nicht loslassen können.Über das bewegte Leben Paul Krachts werden Sie ausführlich in unserer Begleitpublikation informiert. Auf Grund der dichten Überlieferung war es mir als Autor dieses Kapitels möglich, den bewegten und bewegenden Le¬bensweg dieses Mannes nachzuzeichnen, der erst 1959 im 97. Lebensjahr verstorben ist. Besonders spannend waren die Facetten des Privatmenschen: Die Mitgliedschaft Paul Krachts in zahlreichen Vereinen, wie Alt-Lemgo, der Freischießen-Gesellschaft oder dem Lemgoer Turnverein, sein vom Vater übernommenes karitatives Engagement für die Kinderbewahr¬anstalt, sein Interesse für die lippische Numismatik, aber auch seine Bemühungen um die Geschichte der eigenen Familie, die in der Herausgabe einer Stammfolge Kracht im renommierten „Deutschen Geschlechterbuch“ kulminierte.
Neben dem erfolgreichen Firmen- und Familienpatriarchen gibt es aber auch den verwundbaren Paul Kracht – auch diesen Aspekt auszuleuchten, gestatteten die Archivalien – und seine Nachkommen, was mir zu betonen angesichts der Brisanz des Falls nicht ganz unerheblich scheint. Bald nach seiner Eheschließung mit Martha Wippermann gerieten die Eheleute Kracht nämlich Anfang des neuen Jahrhunderts in einen Skandal hinein, an dem sie offenbar selbst auch kräftig mitgestrickt hatten. Über Jahre erhiel¬ten seinerzeit zahlreiche Lemgoer
Honoratioren anonyme Schmähbriefe, so dass in der Stadt fieberhaft nach dem Schreiber oder der Schreiberin gefahndet wurde. Jeder verdächtigte jeden und rasch kam es zu allerhand Prozessen, in die auch die Krachts verwickelt waren. All dies füllte damals die Klatschspalten der lippischen Zeitungen und führte nicht nur zu einer Verurteilung, sondern auch dazu, dass die Familie Kracht ins Exil nach Bielefeld entwich. Wenn ich nun ihre Neugier geweckt habe, so sollten Sie nachher nicht verabsäumen, einen Katalog zu erwerben! Achtung – dieser Hinweis war natürlich keine Werbung!
Noch vor dem Ersten Weltkrieg kehrte Paul Kracht mir seiner Familie nach Lemgo zurück und bezog eine prachtvolle Villa an der heutigen Engelbert-Kaempfer-Straße. Perfektioniert wurde das Glück durch die Verleihung des in bürgerlichen Kreisen begehrten Titels „Kommerzienrat“ durch den lippischen Fürsten kurz vor dessen Thronentsagung. Einen Orden gab es auch noch – und ich will das hier gar nicht abwerten, denn man muss diese Dinge vor
dem Hintergrund der damaligen Zeit, des damaligen Empfindens sehen!
Es ließe sich noch vieles zu Paul Kracht sagen, da er über Jahrzehnte in der Firma die Fäden in der Hand hielt und in der Öffentlichkeit überaus präsent war, nicht zuletzt weil er wahrscheinlich Lippes letztlebender Kommerzienrat war, der auch wegen seines hohen Alters ein hohes Maß an Seriosität und Würde ausstrahlte. Doch ich möchte noch einmal zur Firma zurückkehren.
Seit der Jahrhundertwende mauserte sich die 1888 in Betrieb genommene Weberei zu einem wichtigen Industriebetrieb und damit wichtigen Arbeitgeber für Lemgo. Dass die Geschäfte gut liefen, davon zeugen die zahlreichen baulichen Erweiterungen, die auf dem Gelände am heutigen Steinweg vorgenommen wurden. Und selbst der Erste Weltkrieg konnte den positiven
Gang der Geschäfte nicht stoppen – im Gegenteil: Als sog. kriegswichtiger Betrieb produzierte man u.a. Verbandstoffe, Handtücher und Segeltücher für das Heer und die Marine. Aus diesem Grunde mussten häufig die Arbeitszeiten verlängert werden, und trotz größter Rohstoffknappheit konnte sogar 1918 ein neuer Kessel angeschafft werden, dessen Inbetriebnahme sich allerdings nicht mehr kriegsentscheidend auswirkte.
Wirtschaftlich schwieriger waren hingegen die Jahre der Weimarer Repu¬blik, insbesondere durch die Wirrnisse der Inflation. Positiv wirkte aber die Einführung einer neuen Produktserie unter der schönen Bezeichnung „Niereißa“. Unter diesem Namen wurden u.a. Betttücher – „mit doppelt verstärkter Mitte“ – auf den Markt gebracht. Überhaupt war man in der Werbeabteilung – ich nehme an, sie bestand im Wesentlichen aus Paul Kracht und seinem Prokuristen – überaus erfinderisch, was die Namensgebung für die Produkte anbetrifft: die Windel „Wohltat“, das Geschirrtuch „Trockenperle“, das Handtuch „Herkula“
oder das Betttuch „Krachtuko“ sind nur einige Beispiele fürWortneuschöpfungen der damaligen Zeit. Ob Vicco von Bülow alias Loriot hier einmal über den Zaun geschaut hat?
Die gute Auftragslage der späten 1920er Jahre ermöglichte den Bau einer neuen Produktionshalle und die Anschaffung weiterer Webstühle! Doch die Weltwirtschaftskrise machte die hochfliegenden Träume für weitere Vergrößerungen zunichte. Diese ließen sich auch unter dem Hakenkreuz nicht verwirklichen, wenngleich das Unternehmen nun wesentlich häufiger als zuvor in der Öffentlichkeit präsent war. Überaus umfangreich berichtete die
gleichgeschaltete Presse über Arbeitsjubiläen und die Teilnahme an NS-Jubelveranstaltungen zum 1. Mai oder zur Ausrufung von sog. Arbeitsschlachten. Einen Höhepunkt stellte die Live-Übertragung einer musikali¬schen „Werkpause“ im Februar 1937 direkt aus dem Websaal durch den Reichssender Köln dar. Wir dürfen nicht verkennen, dass diese und andere
Veranstaltungen gewichtige Teile der NS-Propaganda waren. Paul Krachts Rolle während dieser Zeit wird in unserer Ausstellung übrigens ebenfalls thematisiert, eine Beurteilung bleibt dem Betrachter überlassen.
Wenn übrigens nach außen hin ein enger Schulterschluss zwischen Partei und Firma propagiert wurde, dann darf nicht übersehen werden, dass die Firma unter der NS-Wirtschaftspolitik durchaus zu leiden hatte: Wegen der Bewirtschaftung bestimmter Rohmaterialien musste die Arbeitszeit verkürzt werden, wodurch zahlreiche Arbeitnehmer in Not gerieten.Dies wird in internen Papieren kundgetan, und mit Hilfe der Kracht’schen Stiftung versuchte das
Unternehmen einen Ausgleich zu schaffen, nach außen oder gar in die Presse gelangte davon jedoch nichts.
Die jahrzehntelange erfolgreiche Tätigkeit der Kracht’schen Weberei war in hohem Maße von der Arbeitsleistung einer qualifizierten und zuverlässigen Mitarbeiterschaft abhängig. Zum Stichtag 1. Oktober 1941 ist uns eine Aufstellung überliefert, die einen Blick in die Belegschaftsstruktur ermöglicht: Beschäftigt wurden damals 122 Personen, davon 106 „im Lohnverhältnis“, 16 im „Angestelltenverhältnis“. In der 106-köpfigen Arbeiterschaft zählte man 90 Frauen und nur 16 Männer – trotz der Kriegszeit durchaus repräsentative Werte!
Um den Zusammenhalt innerhalb der Belegschaft zu fördern, veranstaltete die
Unternehmensleitung bereits vor dem Ersten Weltkrieg zwei Betriebs¬feste. Das erste fand im Verlauf des Jahres 1910 anlässlich des (vermeintlich) 100-jährigen Jubiläums der Firma statt. 1913 wurde dann mit einem großen Fest an das 25-jährige Bestehen der mechanischen Weberei erinnert. Weitere Feierlichkeiten sollten folgen – vor allem anlässlich runder Geburtstage des Patriarchen Paul Kracht! Ganz offensichtlich war man seitens der Unternehmer-Familie stets auf ein gutes Miteinander zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer
bedacht, was sich darin bestätigt findet, dass die Zahl der langjährig Beschäftigten ungewöhnlich hoch ist!
Schon während des Zweiten Weltkriegs, in dem die Firma abermals als kriegswichtiger Betrieb die Produktion aufrechterhalten konnte, hatte Paul Kracht die Leitung der Firma an seinen Schwiegersohn Hermann Quentell, der bereits seit 1925 im Unternehmen tätig war, übergeben. Der Seniorchef ließ sich nur noch gelegentlich im Werk sehen, und Sie müssen sich von
seinem Enkel Reinhard Q. erzählen lassen, wie ein solcher Besuch ablief.
Bald nach dem Krieg konnte die Produktion wiederaufgenommen werden – wichtigster Kunde war nun die Besatzungsmacht. Doch alsbald wurde auch wieder der zivile Sektor beliefert, binnen kurzem bescherte das Wirtschaftswunderland Bundesrepublik Deutschland auch der Kracht’schen Weberei goldene Zeiten. Jegliche Aussteuerware war nach entbehrungsreichen
Zeiten heiß begehrt, und eben die wurde von der Traditionsweberei Kracht in hervorragender Qualität hergestellt. Niemand wollte damals auf seine „Trockenperle“ verzichten!
Dennoch – und für viele unverständlich – wurde Mitte der 1960er Jahre die Produktion eingestellt. Zu groß war inzwischen der Druck von Billigprodukten aus dem Ausland geworden, eine Entwicklung, die bis heute anhält. Schweren Herzens entschloss sich die dritte Generation in der Leitung der Weberei, diese aufzugeben, den Maschinenpark zu verkaufen und die Gebäude zu verpachten. Doch wollten und konnten sich die noch jungen Quentells nicht einfach zur Ruhe setzen, sondern führten das Unternehmen quasi dahin zurück, woher es gekommen war – zum Handel mit Heimtextilien, wie es heute heißt. Mittlerweile werden diese Geschäfte seit über 30 Jahren am bereits erwähnten Firmenstandort in Lieme abgewickelt.
Damit, meine sehr verehrten Damen und Herren, möchte ich meinen kleinen Überblick über das Werden und Wirken unserer Jubilarin beschließen. Wie alt sie nun wirklich ist, mögen Sie selbst entscheiden.
Ich darf Ihnen noch versichern, dass mir die Zusammenarbeit mit Ihnen, lieber Herr Scheffler, aber auch mit Ihnen, Herr Quentell, sehr viel Freude bereitet hat. Das kann man nicht immer so freien Herzens sagen! Fast zwei Jahre der Vorbereitung sind nun vergangen, ich denke, dass sich das Ergebnis sehen lassen kann.
Den übrigen Anwesenden empfehle ich: „Nehmen Sie nachher Ihre ganz persönliche männliche oder weibliche „Trockenperle“ an die Hand und schlendern Sie genussvoll durch die heute zu eröffnende Ausstellung.