Eröffnungsrede - Jürgen SchefflerEröffnungsrede - Jürgen SchefflerEröffnungsrede - Jürgen SchefflerEröffnungsrede - Jürgen Scheffler
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Leinenkracht
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Sehr geehrte Frau stellvertretende Bürgermeisterin, sehr geehrte Familie Quentell, lieber

Herr Dr. Wiesekopsieker, meine sehr geehrten Damen und Herren,

da die Rednerliste kurzfristig um ein Grußwort des Hauptgeschäftsführers der IHK Lippe erweitert wird, möchte ich mich an dieser Stelle kurz fassen.

Die Idee zu dieser Ausstellung aus Anlaß des 200-jährigen Firmenjubiläums entstand auf dem Dachboden der Firma Kracht & Co. im Lehbrinksweg: Dort ermöglichte Reinhard Quentell vor mehr als zwei Jahren Karl-Heinz Richter und mir, einen Blick in das Firmenarchiv zu werfen. Wir waren überrascht angesichts der großen Zahl von Archivalien, Fotos und Objekten vom
späten 18. bis ins 20. Jahrhundert. Rasch war die Idee geboren, eine Auswahl dieser Exponate in einer Sonderausstellung zu zeigen. Diese Idee verband sich gut mit der Anregung von Karl-Heinz Richter, die Geschichte der altein-gesessenen Lemgoer Betriebe zu erforschen. Viele dieser Betriebe sind mittlerweile verschwunden. Dies gilt allerdings nicht für die Firma Kracht GmbH & Co. KG, die zu den ältesten und traditionsreichsten Betrieben im Kreis Lippe gehört. Der Wandel vom Leinenhandel zur industriellen Leinenfertigung und dann erneut zum Handel mit Küchen- und Heimtextilien: das beschreibt in Kürze die Geschichte dieses Lemgoer Betriebes.

Das Ergebnis der intensiven Recherchen präsentieren wir von heute an in der Aus-stellung „Leinenkracht. Eine Lemgoer Kaufmanns- und Unternehmerfamilie in drei Jahrhunderten“. Ein wesentliches Ergebnis der Arbeit ist dabei die Erkenntnis, dass der Anlaß für das Firmenjubiläum, der Vertrag über die Pacht und Anlage der Rasen-bleiche aus dem Jahr 1810, aus heutiger Sicht gleichsam nur eine Zwischenetappe der Unternehmens-geschichte war. Denn in ihren Anfängen reicht sie bis weit ins 18. Jahrhundert hinein. Die Krachts in Lemgo: Das ist die Geschichte einer mittlerweile in der neunten Generation in Lemgo tätigen Kaufmanns- und Unternehmerfamilie.

Johann Christoph Kracht, Sohn des Herforder Pfarrers Bernhard Kracht, siedelte kurz nach 1700 von Herford nach Lemgo. 1708 erwarb er das Bürgerrecht und bezog mit seiner Ehefrau, der Lemgoer Kaufmannstochter Katharina Elisabeth Sellige, das Haus Slaver Bauerschaft Nr.1. Dieses Haus ist den meisten von Ihnen besser bekannt als das Haus Schmitting. Die Geschichte des Leinenhandels und des Leinengewerbes in Lemgo vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart ist mit der Kaufmanns- und Unter-nehmerfamilie Kracht untrennbar verbunden.

Die Ausstellung ist in zwei große Abschnitte untergliedert, die auch räumlich getrennt sind:

Im Sonderausstellungsraum der ersten Etage stehen der Leinenhandel und das Leinengewerbe im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zentrum. Dokumente, Rechnungsbücher und Bilder aus dem Firmenarchiv bzw. dem Privatbesitz der Familie sind ergänzt worden um Archivalien aus dem Stadtarchiv Lemgo sowie um Objekte der Flachsverarbeitung und des Leinengewerbes aus dem Museumsbe-stand. Einen visuellen Eindruck von der Arbeit am Spinnrad und am Webstuhl vermitteln zwei Gemälde des Künstlers Karl Henckel, die in den 1920er Jahren entstanden sind und zu den sog. Schulbildern gehören. Die „Frau am Spinnrad“ hängt noch heute in der Grundschule Dörentrup-Ost und ist dort erst vor einigen Jahren gleichsam wieder entdeckt worden.

Im Ausstellungsraum der zweiten Etage stehen die Gründung und die Entwicklung der mechanischen Weberei im Zentrum. Aus logistischen, aber auch aus Kostengründen ist es nicht möglich gewesen, in der Ausstellung den originalen mechanischen Webstuhl aus den Gründungsjahren der Firma zu zeigen, der noch heute in den Betriebsräumen am Lehbrinksweg steht. In den Vitrinen werden zahlreiche Exponate des Firmenarchivs gezeigt.Einen besonderen Stellenwert hat die Aufnahme der Radiosendung „Die Werkpause“ aus dem Jahre 1937. Diese Sendung, aus heutiger Sicht eine Verbindung von Betriebsfeier und NS-Propaganda, wurde über den Reichssen-der Köln aus den Betriebsräumen übertragen. In der Ausstellung können Sie einen Ausschnitt aus dieser Sendung hören, u.a. mit dem „Weberlied“, gesungen von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Firma, und einer Geschichte, vorgetragen von Paul Kracht. Nach Auskunft des WDR-Archivs ist diese Aufnahme vermutlich der einzige Mitschnitt von der Sendereihe „Die Werkpause“, der erhalten geblieben ist.

Mit der Ausstellung sind vier weitere Stationen im Museum verbunden: Im Museumskino zeigen wir einen Film des LWL-Medienzentrums in Münster aus dem Jahr 1974, der die Techniken der vorindustriellen Flachsverarbeitung und der Leinenherstellung zeigt. In der Diele läuft eine Bildschau mit Fotos von den Geschäfts- und Wohnhäusern der Familie Kracht, von der mechnischen Weberei am Steinweg, aus dem Arbeitsalltag und von Betriebsfeiern. Im Museumsgarten haben wir ein kleines Flachsfeld angelegt. Und schließlich ist im Speicher des Museums eine Austellung von Arbeiten der Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 8 der Hauptschule Lohfeld in Bad Salzuflen zu sehen. Unter dem Titel „Museum begreifen – oder warum wir Dinge aufbewahren“ haben sie sich im Unterricht mit den Aufgaben und der Arbeit des Museums beschäftigt. Anknüpfungspunkt war dabei die Ausstellung „Leinenkracht“. Die Schülerinnen und Schüler haben aus Geschirrhandtüchern Objekte kreiert, und diese
„Geschirrhandtuch-Kunst“ ist in der kleinen Sonderausstellung zu sehen. Neben unserer engen Zusammenarbeit mit den Lemgoer Schulen, vor allem der Grundschule Süd, ist die Kooperation mit der Hauptschule Lohfeld ein sehr schö-nes Beispiel für Projektmöglichkeiten im Bereich

des Textil- und Kunstunterrichts. Wir hoffen, dass aus dieser Kooperation eine weitere Bildungspartnerschaft erwächst.

Ich möchte mich zum Abschluss bei allen sehr herzlich bedanken, die am Entstehen der Ausstellung mitgewirkt haben: bei Reinhard und Cornelius Quentell, die das Firmenarchiv für uns bereitwillig und in sehr unkomplizierter Weise geöffnet und das Ausstellungsprojekt finanziell gefördert haben, bei Karl-Heinz Richter vom Verein Alt Lemgo, der die Ausstellungsidee von Anbeginn an unterstützt hat, bei Dr. Stefan Wiesekopsieker für die gute Zusammenarbeit bei der Erforschung der Unternehmensgeschichte und der Herausgabe der Begleitpublikation, bei den weiteren Leihgebern, dem Landesarchiv NRW Detmold, dem Stadtarchiv Lemgo, dem Lippischen Landesmuseum und der Grundschule Dörentrup-Ost, bei den Sponsoren, der Sparkasse Lemgo, dem Landesverband Lippe und dem Verein Alt Lemgo, bei
Martin Emrich für die Gestaltung von Einladung, Plakat und Flyer, bei der Firma Strohmeier für die gute Zusammenarbeit bei der Produktion des Begleitbuches und bei Gerhard Milting.

Danken möchte ich darüber hinaus Ina Hoffmann und den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 8 der Hauptschule Lohfeld für die gute Zusammenarbeit bei dem Kooperationsprojekt Schule-Museum. Und schließlich möchte ich mich ganz besonders bedanken bei Dieter Helbig, Gabriele Schlömer, Uwe Hasselmann, Gabi Kaiser und Lydia Hamm vom Team des Museums, die einmal mehr die Hauptlast des Ausstellungsaufbaus getragen haben.